Sonntag, 21. Februar 2016

Mit dem Traumschiff auf dem Ayeyarwady

Um 5.30 Uhr am Morgen besteige ich mein Schiff. Es ist eher eine große Frachtfähre. Alles ist mit Waren vollgestopft und das Oberdeck ist leer! Irgenwie hatte ich doch die Illusion von ein paar Liegestühlen oder zumindest normalen Stühlen oder Bänken.
 Als upper-class Reisende habe ich Anspruch auf eine Kabine. Die hat den Charme einer Marinekajüte, ist aber ganz ok. Ich habe nicht mehr erwartet und es gibt sogar einen Ventilator. Toilette und Dusche gibt es auf dem "Flur", wobei letztere aus einem großen Bottich besteht, aus dem man das Flußwasser mit einer kleinen Kunststoffschale schöpft und über den Körper gießt. Das kenne ich noch von Uganda, da musste man nur sparsamer schütten.
Ich erkunde wieder das Oberdeck und finde am Bug, vor dem Kaptänsstand doch noch drei verwitterte Holzstühle. Aufgepeppt mit der Decke aus meiner Kajüte gar nicht mal unbequem. Ich habe zwar später den Eindruck, dass die normalerweise von der Käptn-Crew genutzt werden, aber das ist mir egal - ein bißchen Touribonus darf auch mal sein. Außer mir verirrt sich niemand hierher und erst am nachmittag erscheint überhaupt mal jemand auf dem Oberdeck. Außer mir habe noch einige Passagiere Kabinen gebucht, es scheinen aber alles Einheimische zu sein. Die restlichen ca. 15-20 Passagiere schlafen im hinteren Bereich des Schiffes auf dem Boden und verbringen dort auch die ganze restliche Zeit, allerdings beschattet, bei ganz angenhmen Temperaturen. Ich lasse mich dort mal kurz mit meinem "mingelaba"(hallo) sehen, trete später auch in einen kurzen Austausch mit zwei Frauen, die zwischen Kisten voller Rum und anderen Säcken lagern, empfinde diese Konversation mit Händen und Füssen aber doch als extrem anstrengend, wenn ich kein klares Anliegen habe.
 Ich hatte ja im Rahmen dieser Reise schon öfter über ein Schweigeseminar im Kloster nachgedacht, da augenscheinlich niemand auf diesem Schiff auch nur einen Brocken Englisch zu sprechen scheint, komme ich hier wohl ungeplant zu einem dreitägigen Schweigeseminar!
Als es hell wird, werden neben meinem Aussichtsplatz 2 große Boxen aufgestellt. Mir schwant nichts Gutes. Bereits in meiner letzten Unterkunft gab es morgens zum Frühstück einen betenden Mönch im schneekrisselnden TV und auch in meinem Taxi auf dem Weg zur Anlegestelle war er präsent gewesen. Ich liege richtig. Schon bald erklingt der monotone Singsang lautstark aus den Boxen. Ich überlege kurz meine Ohrstöpsel dem 1. Tageseinsatz zuzuführen, nehme das ganze dann aber doch lieber als meditative Übung. Schließlich ist mir das Singen von Mantras zuhause ja durchaus vertraut und mein Vorsatz Yoga und Meditation zu meinen Reisebegleitern zu machen wartet bisher noch auf die Umsetzung.....
Es ist unglaublich entspannend dem Tuckern des Bootes zu lauschen und dabei die Landschaft gemächlich an sich vorbeiziehen zu sehen. Überall auf der Welt sind Flüsse die Lebensadern. Auch hier läßt sich beobachten, wie der Fluß das Leben der Menschen beeinflusst. Wir befinden uns im letzten Drittel der Trockenzeit. Das Land ist völlig ausgedörrt, die Wege staubig und viele Bäume haben ihre Blätter abgeworfen. Doch entlang des Flusses zieht sich ein grünes Band, sei es in Form von Feldern, oder in Form von Wäldern und Hainen, bestehend aus Palmen, Bananen und vielerlei anderen Bäumen und Sträuchern, doch auch diese sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Oft stehn einfache Verschläge an den Rändern 5-10 m hoher Sandklippen, manchmal sind es auch ganze Gehöfte oder kleine Ortschaften. Am Ufer wird gewaschen, gebadet, Vieh wird getränkt und Boote werden be-und entladen. Menschen, die einfach nur schwimmen oder tobende Kinder sehe ich nie. Zurzeit bestimmen riesige Sandbänke das Bild. Es läßt sich erahnen, welche Wassermassen hier entlangströmen, wenn der Monsunregen erst einmal eingesetzt hat. Jetzt ist der Ayeyarwady ein bißchen breiter als der Rhein. Mit der Fahrrinne scheint es allerdings nicht so ganz einfach zu sein. Wir fahren oftmals Slalom und selbst auf größeren Transportschiffen stehen vorne zwei Lotsen, die mit langen Stäben die Wassertiefe kontrollieren. Es gibt Transportschiffe in verschiedensten Grössen, dazwischen Fischer und Bambusflöße, mit einem kleinen Zelt darauf. Einmal überholt uns ein Fluss-Kreuzfahrtschiff und ich kann sehen, wie meine Fahrt ein paar hundert Euro teurer aussieht - ok, auf die Liegestühle bin ich ein bißchen neidisch.....
Mittagessen wird in der Kombüse serviert, einem Holztisch mit zwei Bänken im Zwischendeck. Gekocht wird auf Holzkohleöfen an der Relimg. Der Einfacheit halber bestelle ich das gleiche, was mein Sitznachbar gerade isst. Es ist das übliche Hühnchencurry: Reis mit Hühnchen, einer scharfen Soße, von der ich nur eine Messerspitze voll nehme und eine Art Grüne Bohnen, dazu die obligatorische leicht säuerliche Gemüsesuppe. Im Reiseführer steht, dass man für dieses Essen an Bord einen sehr robusten Magen benötigt. Ich bin stolz auf meinen Magen, der bisher alle Herausforderungen mit Bravour gmeistert hat. Nur die rohen Gurken lasse ich diese Mal stehen. Ich gehe stark davon aus, dass an Bord überwiegend Flusswasser genutzt wird- heute kommt dann auch zum ersten Mal mein Trinkwasser beim Zähneputzen zum Einsatz.
Am späten Nachmittag steuern wir ein kleines Städtchen an. Während sich das Boot schon bis ein paar Meter dem Ufer genähert hat, stehen dort noch ungerührt 2 Frauen badend (im Longy versteht sich) und zähneputzend im Wasser, eine Mutter schrubbt gerade ihrem kleinen Sohn den Rücken. Die Anlegestelle scheint das Badezimmer des Ortes zu sein. Überhaupt scheint die Zeit hier stehengeblieben zu sein. Ich kaufe ich mir frittierte Krabben, etwas Obst und eine kühle Dose Bier. Das Leben könnte schlechter sein......
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, in diesem Fall vor dem nächsten Morgen.....Die Bordnahrung hinterläßt nun doch ihre Spuren, allerdings in sehr gemäßigter Form und zum Glück habe ich ja gestern einen ganzen Packen Bananen gekauft:-)
Inzwischen haben sich die Menschen hier an Bord an mich gewöhnt und werden etwas offener. Einer der Schiffsführer spricht sogar ein bißchen Englisch - was keine große Auswirkung auf mein Schweigeseminar hat, aber irgendwie beruhigend ist....
Gestern hatte mir einer der Schiffsführer einen dunklen Fleck im Wasser gezeigt, einen Delphin! Ich konnte kaum glauben, dass hier in diesem geschäftigen Fluss Delphine leben - aber heute überholt uns ein Delfinbeobachtungsboot mit einem großen Transparent an der Seite: Help to save the dolphines in Ayeyarwady! Die Zahl ist wohl rückläufig, gerade 58 Exemplare wuden im letzten Jahr noch gezählt, drei davon bekomme ich später nochmal zu sehen.
Ein junger Mann in kakigrüner Kleidung kommt zu mir und bedeutet mir mit der Kamera aufs Oberdeck zu kommen. Erst möchte er von mir ein Foto machen, danach mache ich eins von ihm und schließlich gibt es ein gemeinsames mit seinem Handy. Anschließend imitiert er das Schießen mit einer Waffe, fährt sich mit der Flachen Hand an der Kehle entlang und zeigt Richtung Berge. Will er mir sagen, dass er auf dem Weg in die Berge ist, wo an der Grenze zu China immer wieder Kämpfe zwischen Rebellengruppen und der Regierungsarmee stattfinden?
Eigentlich hatte ich gedacht, die Unabhängigkeitskämpfer würden gegen die Militarregierung kämpfen. Es scheint aber eher egal zu sein, wer an der Regierung ist. Verschiedene Bereiche des Landes sind immer noch für Ausländer gesperrt, meist in den Grenzregionen. In einem Gebiet soll es heftige Auseinandersetzungen zwischen Buddhisten und Moslems geben, habe ich kürzlich in einer englischsprachigen Zeitung im Guesthouse gelesen. Wieder einmal versuche ich die Geschichte im Reiseführer nach zu vollziehen. Aber es ist mir zu kompliziert. Was ich verstehe ist, dass es in diesem Land mit 135 anerkannten Volksgruppen, aufgeteilt in 8 Hauptgruppen schon immer ethnische Ausandersetzungen gab. Mal offener, mal mehr im Untergrund. Mit einigen Rebellengruppen konnten wohl in den vergangenen Jahren Waffenstillstandsabkommen geschlossen werden. Die neue teildemokratische Regierung scheint jedenfalls für die noch verbliebenen Rebellengruppen kein Grund zum Richtungswechsel zu sein. Vielleicht ist auch das Schmuggeln von Teakholz (verbunden mit einer gefährlichen Rodung der Bergwälder) sowie von Opium nach China ein zu lukratives Geschäft um es aufgeben zu wollen? Und auch die Massenvertreibung von Moslems an der Grenze zu Indien und Bangladesh hat bereits eine lange Tradition.
Am nächsten Morgen bekomme ich Besuch von meinem Fotomodell und einem weiteren jungen Soldaten. Er muss in der Nacht an Bord gekommen sein und spricht ganz passabel Englisch. Er bestätigt meine Vermutung über das Ziel ihrer Reise. Eigentlich wollte er zur Navy und mag gar nicht kämpfen. Stattdessen ist er jetzt in der Artellerie und erfüllt seine Pflicht.... Danach zeigt er mir stolz zwei Werbevideos von Myanmar, die er mir überspielt und andere lustige Musikvideos auf seinem Handy. Er lädt mich ein mit seiner Freundin zu telefonieren, besorgt mir ein Fernglas und beantwortet bereitwillig die Fragen zu den Dingen, die ich am Ufer beobachte. Ein ganz angenehmer, freundlicher junger Mensch, mit ganz normalen Interessen und Träumen, im Alter von meinen Jungs und gerade auf dem Weg in den Kampf.........

Mein Traumschiff 
Das Freiluftrestaurant
Die Dusche
Die Loreley ist ueberall, selbst in Myanmar

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